Einzelansicht

MieterPost Die Zeitschrift der Rudolstädter Wohnungsverwaltungs- und Baugesellschaft mbH

11.01.10

Unweit des Schlossaufganges II steht seit einiger Zeit ein Kubus. Der informiert über ein ehrgeiziges Projekt, das die Baulücke in der historischen Altstadt schließen soll. Das Gesamtvorhaben, das aus einem wissenschaftlichen und einem praktischen Teil besteht, wurde maßgeblich von der Rudolstädter Systembau GmbH (RSB) als Spezialist für den Systembau mit Stahl, Glas und Aluminium und der RUWO als zukünftigen Bauherren initiiert. Warum es die „vier zukunftsorientierten Stadthäuser in Rudolstadt“ geben wird und was die zukünftigen Mieter, Eigentümer und auch die Rudolstädter Bürger  erwarten können, darüber sprach die MIETERPOST (MP) mit RSB-Geschäftsführer Hans-Ulrich Batzke und RUWO-Chef Jens Adloff:

MP: Herr Batzke, auf der Internetseite der Rudolstädter Systembau GmbH, deren Geschäftsführer für Forschung und Entwicklung Sie sind, findet man unter der Rubrik „Aktuelle Vorhaben“ im Bereich F & E, unter anderem das folgende Thema: „Innovative Systembauweise im innerstädtischen Wohn- und Gewerbebau unter Zusammenführung von Stahltragwerk, Hüllelementen und Energieversorgung“. Das wiederum sei ein Gemeinschaftsprojekt von Ihrem Unternehmen, der Bauhausuniversität Weimar, der Stadt Rudolstadt vertreten durch das Stadtplanungsamt und der RUWO. Was muss man sich konkret unter dem etwas sperrig formulierten Forschungsthema vorstellen, was ist sein innovativer Kern, für den es sich zu forschen lohnt?

Batzke: Die Kernidee des Themas, das aus zwei Teilen, einem wissenschaftlichen und einem praktischen besteht, ist, die Nachhaltigkeit am Bau umzusetzen. Das bedeutet, wir müssen aufhören, den Wert eines Gebäudes ausschließlich über seinen Herstellungspreis zu definieren. Der ist zwar nicht uninteressant, aber auch nicht entscheidend. Und zwar deshalb, weil etwa 80 Prozent der Kosten, die ein Gebäude verursacht, im Laufe seiner Nutzung entstehen und demnach nur 20 Prozent auf die Planung und den Bau entfallen.

MP: Auf welche Bereiche fokussiert sich die Nachhaltigkeit am Bau?

Batzke: Zum einen auf die Energiekosten, wobei ich damit sowohl die meine, die bei der Nutzung des Gebäudes anfällt, beispielsweise Heizung, Kühlung, Strom, als auch die Energie, die zur Herstellung der am Bau verwandten Materialien eingesetzt wurde. Zum anderen geht es um die Nachhaltigkeit im buchstäblichen Sinne. Dazu gehört die Recyclingfähigkeit der Baustoffe genauso wie die Befähigung eines Gebäudes, während seiner Nutzung über Jahrzehnte flexibel auf sich verändernde Anforderungen reagieren zu können.

MP: Welche Anforderungen sind das?

Batzke: Das können sowohl energetische als auch nutzungsbedingte sein. Stichworte dafür sind die aus ökologischen und ökonomischen Gründen immer wichtiger werdende Energieeffizienz und der demografische Wandel, der dazu führt, das moderne, zukunftsfähige Gebäude insofern flexibel sein müssen, indem sie in einem wirtschaftlich vertretbaren Rahmen den sich verändernden Bedürfnisse der Bewohner bzw. Nutzer angepasst werden können.

MP: Und für diese Anforderungen ist der Stahl im Wohnungsbau besonders geeignet?

Batzke: So ist es, und zwar deshalb, weil das Bauen mit Stahl eine klare Trennung von Tragwerk und Fassade ermöglicht. Ein Rahmentragwerk aus Stahl fungiert lediglich  als tragendes Gerüst für die Gebäude und lässt auf Grund seiner hervorragenden Festigkeiten große stützenfreie Flächen zu, was eine flexible Anordnung der nicht tragenden Innenwände ermöglicht. Für die Fassaden gibt es nahezu keine Einschränkungen bei der Materialauswahl, damit ist eine weitestgehende Anpassbarkeit an architektonische Anforderungen gegeben. Die Wärmedämmung lässt sich einfach an veränderte Bedingungen anpassen, bis hin zur Nachrüstung von modernen Energiegewinnungsanlagen in die Gebäudehülle.

MP: Wer von den vier beteiligten Partnern hatte die Uridee zu diesem Thema, beziehungsweise was war der konkrete Auslöser für die Beschäftigung mit dem Bauen mit Stahl im innerstädtischen Bereich?

Batzke: Das Bauen mit Stahl ist an sich ja eine alte Sache und im öffentlichen, im Gewerbe- und Industriebau eher die Regel als die Ausnahme. Anders sieht es hingegen im Wohnungsbau aus. Der Rudolstädter Systembau beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema, wie Baulücken und Brachen in Innenstädten mit Stahlbauten in Form eines Modul- oder Baukastensystems geschlossen werden können. In diese Richtung läuft ja auch der erste Teil unseres Forschungsprojektes zusammen mit der Bauhausuniversität Weimar, bei dem es im Kern darum geht, zu zeigen und zu beweisen, dass das Bauen mit Stahl eine wirtschaftlich, architektonisch und energetisch attraktive Lösung für den innerstädtischen Wohnungsbau sein kann. Den zweiten Teil,  und das ist die Umsetzung eines konkreten Projektes am Rudolstädter Schlossaufgang 2, haben wir gemeinsam mit der RUWO entwickelt. Dafür laufen die Abstimmungen und Planungen seit 2007, als wir gemeinsam im Rahmen einer Auftaktveranstaltung sowohl das Forschungsvorhaben als auch das Pilotprojekt dem Thüringer Bauministerium vorgestellt haben.

MP: Herr Adloff, was hat die RUWO als städtisches Wohnungsunternehmen bewogen, sich an diesem Forschungsthema zu beteiligen?

Adloff: Für unsere Beteiligung gibt es mehrere Gründe. Der wichtigste ist, dass die Beschäftigung mit den Themen Energieeffizienz und den sich aus demografischen Gründen wandelnden Bedürfnissen unserer Mieter für ein Wohnungsunternehmen wie das unsere geradezu existenziell oder per se lebensnotwendig ist. Denken Sie dabei nur an die sogenannte zweite Miete, die Energiepreise und den Klimawandel oder an die zunehmende Versingelung der Gesellschaft. Die tendenzielle Verkleinerung der Haushaltsgrößen ist einfach ein Fakt und insofern ist die Flexibilität bei den Wohnungszuschnitten, wie sie der Stahlbau bietet, für uns eine hoch interessante Sache. Ein weiterer Grund für unsere Teilnahme ist die Übereinstimmung mit unserer Firmenphilosophie. Als größtes Wohnungsunternehmen am Markt müssen wir neben der gebotenen Kundenorientierung auch auf den Gebieten Innovation, Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit punkten. Unsere Mieter erwarten mit Recht ein breit gefächertes Angebot an Wohnraum. Insofern werden uns die Stadtvillen am Schlossaufgang ein gutes Stück voranbringen. Ferner möchten wir mit unserer Beteiligung an diesem Pilotprojekt einen Beitrag zum Stadtmarketing leisten und für Rudolstadt werben. Und nicht zuletzt ist die erfolgreiche Umsetzung des Projektes auch mein persönliches Anliegen, weil ich glaube, dass die vier Gebäude nicht nur energetisch und bezüglich ihrer Flexibilität beispielgebend sind, sondern auch den ästhetischen Ansprüchen unserer Zeit genügen werden.

MP: Welche konkreten Aufgaben und Funktionen übernimmt bei der Umsetzung die RUWO?

Adloff: Wir sind der Bauherr für die vier Stadtvillen.

MP: Gewissermaßen vergegenständlicht ist das Forschungsthema derzeit durch eine Werbeanlage und einen Film des Münchener Architekturbüros Kodisch, Ullrich und Gasmann sowie eine im September gestartete Printwerbekampagne, mit deren Hilfe Kauf- bzw. Mietinteressenten für die vier geplanten zukunftsorientierten Stahlhäuser in Rudolstadt gesucht werden. Welchen Erfolg hatte bislang diese Marketingaktion, was können Sie den potenziellen Kunden konkret zum Projekt sagen und was wollen diese wiederum von Ihnen als Ansprechpartner wissen?

Adloff: Zuerst einmal haben wir gemeinsam überlegt, wie wir die Stadthäuser überhaupt bewerben sollen. Ein ganz normales Bauschild haben wir ausgeschlossen, ein solch innovatives Projekt muss aus unserer Sicht auch innovativ vermarktet werden. Deshalb der Kubus, der Film, in dem ganz bewusst keine fertige Lösung, sondern vielmehr eine mögliche Vision dargestellt wird, und die nur beim Kubus ausgelegten Karten, mit denen potenzielle Mieter oder Käufer ihr Interesse signalisieren können. Insgesamt haben sich in den ersten beiden Monaten nach dem Kampagnestart am 8. September 22 Interessenten gemeldet. Die kommen aus dem gesamten Städtedreieck, fragen nach den Wohnungsgrößen, den Kosten und auch, was für das Erkennen der Werthaltigkeit spricht, ob man die Wohnungen kaufen kann.

MP: Herr Batzke, sind die zukünftigen Mieter oder Eigentümer der Stahlhäuser unter dem Strich die alleinigen Finanziers des Forschungsvorhabens oder bekommen Sie noch von dritter Seite finanzielle Unterstützung? Und wie hoch ist eigentlich das veranschlagte Gesamtbudget des Vorhabens?

Batzke: Ein Gesamtetat kann man nicht benennen, weil wir ja noch nicht wissen, wie viele Wohnungen in welcher Größe entstehen werden. An den Entwürfen einschließlich der geplanten Grundrisse wird derzeit intensiv gearbeitet. Wie bereits erwähnt, besteht das Projekt aus zwei Teilen, dem Bau an sich und dem wissenschaftlichen Teil unter Federführung der Bauhausuniversität, dessen Aufgabenstellung wir zusammen mit der RUWO formuliert haben. Dieser Bereich mit einer Forschungslaufzeit bis in das kommende Jahr hinein, der an sich unabhängig vom Rudolstädter Pilotprojekt ist, wird durch die FOSTA, eine  Forschungsvereinigung für die Stahlanwendung, gefördert.     Die praktische Erprobung der Erkenntnisse und also den Bau finanziert die RUWO unter Einbeziehung von Städtebaufördermitteln. Dazu noch eine kritische Bemerkung. Für die vier Stadtvillen, die energetisch gesehen Passivhäuser werden, planen wir auch die Integration von Photovoltaikmodulen in die Fassade. Solche Module können normalerweise vom Land Thüringen gefördert werden.

MP: Und wo bleibt die Kritik?

Batzke: Leider ist es so, dass das Thüringer Wirtschaftsministerium allein die Modulproduktion fördert, nicht aber deren Einsatz, beispielsweise in Fassadenteilen, was inhaltlich gesehen, vollkommen unlogisch ist. Denn das erklärte Ziel, die regenerativen Energien voranzubringen und den Freistaat zum deutschlandweiten Motor dieser Entwicklung zu machen, erreicht man ja nicht allein dadurch, immer mehr Photovoltaikproduzenten anzusiedeln. Vielmehr sollte es doch in erster Linie um die sinnvolle Anwendung dieser Technologien in der Praxis gehen.

MP: Herr Adloff, was spricht aus der Sicht des Bauherren für den Stahlbau?

Adloff: Moderne Wohn- und Gewerbebauten haben ein gemeinsames Merkmal: Entscheidende Bauteile basieren auf einer Konstruktion aus Stahl. Dessen universellen Eigenschaften in Verbindung mit einer vorbildlichen Nachhaltigkeit, machen den Stahl zu einem Schlüsselbaustoff der Zukunft. Unübertroffen sind die erreichbare Spannweite, die Filigranität, die Belastbarkeit und die Wirtschaftlichkeit. Und, wenn jemand Bauen mit weitgehend vorgefertigten Modulen sagt, und damit Uniformität meint, der hat die Möglichkeiten des Stahls in Verbindung mit Glas, Aluminium, Holz und anderen Baustoffen nicht verstanden. Bauen mit Stahl an sich ist Systembau, weil man mit ihm höchst individuell am und im System bauen kann.

Batzke: Die Vorteile der Verwendung von Stahl als Gebäudetragwerk liegen auf der Hand und lassen sich mit den Schlagwörtern ökologisch, leicht und modern zutreffend beschreiben. Dabei meint ökologisch die vergleichsweise geringe Masse des Stahls, seine Wiederverwendbarkeit, kurze Bauzeiten sowie ein zeitgemäßes energetisches Konzept. Leicht steht für ein unkompliziertes Handling mit kleinen Fundamenten, die einfache Montage und Demontage im Falle eines Um- oder Rückbaus. Modern und für die Architekten sowohl anspruchsvoll als auch deren Kreativität herausfordernd sind die  beim Stahlbau typische Trennung von Tragwerk und Gebäudehülle, der Systembau mit seinen variablen Geometrien, filigranen Strukturen und natürlich auch die niedrigen Kosten, an die wegen des möglichen hohen Vorfertigungsgrades kein anderer klassischer Baustoff heranreicht.

MP: Der Rudolstädter Systembau, vormals Stahlbau, baut schon seit der Jahrtausendwende deutschlandweit schlüsselfertige Wohnhäuser unter dem Namen RSB-Stahlhäuser. Was wird das Besondere, Spezielle oder eben das Neue an den Stadthäusern in Rudolstadt sein?

Batzke: Neu ist zum einen die Premiere des von den Weimarer Forschern entwickelten Baukastensystems in der Praxis, mit deren Hilfe wir sowohl die Intentionen der Architekten umsetzen als auch die Wünsche der Mieter oder Käufer erfüllen können. Zum anderen werden bei diesem Projekt die Flexibilität, die Nachhaltigkeit und die zukünftige Anpassungsfähigkeit selbst zum Programm, schließlich bauen wir keine Häuser aus dem Katalog oder von der Stange. 

MP: Herr Adloff, sind für die RUWO die vier Häuser nur ein ganz normales Bau-, Verkaufs- oder Vermietungsgeschäft wie jedes andere auch? Was versprechen Sie sich für die Zukunft von diesem Engagement als Bauherr?

Adloff: Mit der Errichtung und Vermarktung der vier zukunftsfähigen  Stadthäuser, betritt auch die RUWO Neuland. Für uns, aber auch für die Stadt als unser Gesellschafter, ist der experimentelle Charakter, sprich die freie Gestaltbarkeit der Gebäudehülle, die Möglichkeit regenerative Energien einzusetzen oder solche über die Fassade zu gewinnen, das Besondere und Spannende. Neben der Nachhaltigkeit ist uns natürlich auch wichtig, dass hier inmitten unserer Altstadt etwas entsteht, was den ästhetischen Erwartungen an moderne Architektur und zeitgemäßes Wohnen entspricht. Dazu unterstreicht und dokumentiert dieses ehrgeizige Projekt den Anspruch der RUWO als modernes Dienstleistungsunternehmen, das zwar primär seinen Mietern und deren Zufriedenheit verpflichtet ist, aber gleichzeitig auch über den Tellerrand schaut und deshalb in verschiedene Projekte zur Flexibilisierung, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit investiert.

MP: Eine naheliegende Frage an den Vermarkter: Wann rechnen Sie damit, dass die RUWO die ersten Mieter bzw. Eigentümer der Stahlhäuser begrüßen und die Schlüssel übergeben wird?

Adloff: In den vier Häusern werden 10 bis 12 unterschiedlich große und zugeschnittene Wohnungen entstehen. Die Mietpreise werden sich im für Rudolstadt oberen, aber natürlich marktgerechten Preissegment bewegen. Auch ein Kauf der Wohnungen ist möglich, insofern sind auch alle jene angesprochen, die auf eine eigene Immobilie als Altersvorsorge setzen, gerne im Zentrum leben und Wohnkomfort als Verbindung von Qualität in der Verarbeitung, Energieeffizienz in Form eines Passivhauses und Ästhetik schätzen. Vorgesehen ist der Baubeginn in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres, die Fertigstellung ist dann 2011.

MP: Herr Batzke, welchen nachhaltigen wissenschaftlichen und auch wirtschaftlichen Effekt verspricht sich Ihr Unternehmen von dem Projekt? Wird aus Ihrer heutigen Sicht dem Standort Rudolstadt eine Pilotfunktion zukommen, weil es für diese Art des Bauens eine konkrete Nachfrage gibt und demzufolge Nachfolgeprojekte in anderen Städten und Gemeinden kommen werden?

Batzke: Zum einen ist schon seit der Auftaktveranstaltung 2007 ein großes und auch  überregionales Interesse seitens der Architekten, Stadtplaner und Wohnungsgesellschafter zu spüren. Das zeigt u.a. auch die kontinuierlich gewachsene Resonanz auf den jährlichen Innovationstag unseres Unternehmens, auf dem wir regelmäßig über die Projektfortschritte informieren. Insofern sind wir in der Pflicht, die RUWO als Bauherren, die Stadt Rudolstadt als Partner und natürlich auch die Fördermittelgeber und zukünftigen Mieter oder Eigentümer nicht zu enttäuschen, sondern tatsächlich in diesem Pilotprojekt zu beweisen, das der Systembau mit Stahl eine gewichtige Antwort auf die zukünftigen Anforderungen an das Wohnen ist. Was Ihre Frage nach weiteren Projekten betrifft: Selbstverständlich versprechen wir uns Folgeaufträge. Sonst wären das Forschungsvorhaben und das Engagement aller Beteiligten praktisch verschenkt.

MieterPost, 11.01.2010